Bobfahrt

Bobfahrt Quelle: Joh. Mayrhofer, zweites Buch (mitten im Leben) Bild: Klaus Novotny

Sollte ich einmal hundert Jahre alt werden und an vergangene Tage denken, dann werde ich mich sicher auch an diese Bobfahrt in Igls bei Innsbruck zurück erinnern! Das war schon eine ganz besondere Sache. Ich möchte sie nicht missen in meinem Erdendasein.

                                                             B O B F A H R T ! ! ! !

Um zehn Uhr vormittags wird’s gewesen sein. Die wichtigsten Arbeiten in der Backstube und im `Gei` (Liefertätigkeit) waren geschafft. Es war Zeit für einen Kaffee und die Tageszeitung. So saß ich da im Gasthaus Wöhrer in Oed und beäugte die Tageszeitung, was es denn so Neues gab.   

...... Hie und da ein Schluck Kaffee   ........

Ja, so eine kleine Pause, die lobte ich mir. Ich blätterte in der Zeitung und wurde fündig!

 

           `Schau her!`:                         Mit dem Vierer-Bob könnte man mitfahren!

In Igls bei Innsbruck, in der Bob-Bahn.    .....nicht schlecht,    .........., eine Telefonnummer war auch dabei.Ich wollte das genau wissen, denn diese Bobfahrer waren mir im Fernsehen schon aufgefallen. Ein richtiger Geschwindigkeits-Sport! Gefiel mir besonders gut.

Und da ich meiner Frau ja wohl schon länger moralisch eine `Ausfahrt` schuldete, die nicht zu einem Flugplatz führte, erfreute ich meine Brigitte mit der Nachricht, dass wir beide demnächst in den `Winterurlaub` (auf zwei Tage) nach Innsbruck reisen würden.

Die `Expedition` musste natürlich organisiert werden.

Ran ans Telefon: Eine Dame aus Tirol (Bobbahn Igls) erklärte mir: „Also, der `Gäschtebob` (tirolerisch), der fährt aber erst am Ende der Saison. ....“

Was ist der `Gäschte-Bob`? Ja, der fährt nur die halbe Bahn, der fährt in der Mitte der Strecke weg.

Ich unterrichtete die `Tiroler Dame`, dass ich ganz sicher nicht mit dem Auto von Waldegg (in Niederösterreich bei Wiener Neustadt) nach Innsbruck und wieder zurück fahren würde, um dann nur die halbe Strecke der Bobbahn mitfahren zu dürfen. Ich meinte, ich würde schon vom Start bis zum Ziel das Vergnügen haben wollen.

 

"Da müssen sie aber schon mit dem Herrn Delle Karth selbst reden“, meinte die Dame fast beleidigt, weil mir der `Gäschtebob` nicht gut genug war. `Verbinden` könnte sie mich nicht (Handy gab es auch noch nicht). Am besten wäre, ich würde am Abend anrufen, da wäre er zumeist im `Bob-Cafe`.

Anfangsschwierigkeiten sind wohl als `normal` zu bezeichnen.  

.....Nächster Anlauf:

Anruf im `Bob-Cafe` in Igls in den Abendstunden. Herrn Delle Karth verlangt, .... und schon war er an der `Strippe`: „Was wäre denn mein Begehr?“

Eine Bobfahrt, aber nicht mit dem Gästebob. Es sollte schon eine Fahrt über die gesamte Strecke sein! Ob denn das möglich wäre? Grundsätzlich, ja. Aber das würde schon den doppelten Fahrtpreis ausmachen:           Eintausend Öst. Schillinge. Billig war das nicht, aber es musste sein!

Nächste Woche am Wochenende würde das Weltcup-Rennen auf der Bobbahn in Igls stattfinden. Herr Delle Karth hatte seine Karriere als Rennfahrer in der vergangenen Saison beendet und würde als `Vorläufer` starten. Ich könnte dann entweder am Samstag nach dem offiziellen Training oder am Sonntag beim Weltcuprennen, bei dem er als Vorläufer fungierte, mit ihm die Bahn hinunterrasen.

Ich entschloss mich für den Samstag-Nachmittag. Da hätte ich noch den Sonntag-Termin in Reserve, falls es Probleme geben würde.

Die Sache war besprochen und ausgemacht mit dem `Tiroler Bob-Altmeister`.

Meine Brigitte traf alle Vorbereitungen, damit in unseren Koffern auch nichts fehlte. Ich organisierte wie gewohnt die `Aushilfen`. Herr Weber aus Dürnbach und Helmut Postl halfen in gewohnter Manier. Und schon bald rauschten wir (meine Frau und ich) ab gen` Westen.

Innsbruck, die Bobbahn Igls, war das Ziel der Begierde. Brigitte wusste noch nicht recht, ob sie auch mit dem Bob mitfahren würde oder nicht.

Dort angekommen, sahen wir beide zum ersten Mal in unserem Leben eine  richtige Bobbahn.

Interessant! Vor allem, einmal so einen Bob aus nächster Nähe in Ruhe `beschauen` zu dürfen, das hatte schon was!  ....   Kein Lenkrad,    ...... nur zwei `Steuergriffe` ?!?

                     ...keine Sitze, nur ein mittiger `Sitzbalken` für alle Beteiligten.

                     ...Federung und Stoßdämpfer suchte ich vergeblich.   ..............

 

Wo war Herr Delle Karth?

Die `Tiroler Telefondame` hatte auf meine Frage, wie ich diesen Mann denn erkennen würde, geantwortet: „Schiach is` er!“ (Tiroler Humor).

Wir fanden sie, diese über die Grenzen bekannte `Tiroler-Boblegende`.

Er erklärte uns, wir würden mit dem Lastwagen (Bob auf der Ladefläche) hinauf zur `Starthalle` fahren, oben dann eine entsprechende Einweisung erhalten und nach dem Ende des offiziellen Trainings für den Weltcuplauf würde es dann losgehen! Brigitte durfte im Führerhaus des LKW Platz nehmen. Unser Bob-Pilot und ich, wir beide bezogen Position auf der Ladefläche des Lastwagens.

Während dieser Bergfahrt schaute mich der `Bob-Spezialist` neugierig von oben bis unten an. (Hatte dieser Tiroler noch nie einen Niederösterreicher gesehen?)

Dann fragte er: „Und warum wollt ihr denn gleich die `Ganze Bahn` fahren?“

Ja, weil ich mich eben nicht für `Halbe Sachen` begeistern konnte. Wenn wir schon da waren, dann wollten meine Brigitte (sie wollte nun auch dabei sein) und ich aber schon das ganze Vergnügen.

Er schaute mich wieder verwundert von oben bis unten an. (Typischer Tiroler!)

„Ist es denn so selten, dass jemand die ganze Bahnlänge mitfahren wollte?“, war meine Gegenfrage. Ja, bestätigte er mir, das ist `in der Tat` sehr, sehr selten.     ....................

 

Was sollte es, wir waren nun da, die Sache war besprochen und wir erhielten nun in der `Starthalle` unsere Einweisung:

Brigitte und ich, wir würden die Plätze zwei und drei belegen. Voran der Pilot Delle Karth (eh klar), hinten auf Position vier der `Bremser`, ein Leichtathlet aus Ernstbrunn in Niederösterreich. Delle Karth erklärte uns die Anhaltemöglichkeiten im Bob und was wir beide zu tun hätten, falls der Bob kippen würde:         Anhalten!!

.. Alles (Arme, Beine, Kopf) rein in den Bob !!  Wir würden dann eben bis ins Ziel hinunterrutschen.    .......Nur nicht versuchen, raus zu kommen.   ...   Das könnte fatale Folgen haben!

 

Brigitte und ich, wir beide durften die Köpfe (natürlich mit Sturzhelm) `oben` halten, damit wir auch schauen könnten, was da so passiert!   ....................

Sehr gut, wir beide mussten also nicht anschieben und reinspringen, wie man das im Fernsehen so betrachten kann. Da war ich aber wirklich froh! Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Denn, wären wir beide nicht schnell genug gewesen (was wohl zu erwarten war), dann wäre der Bremser nicht mehr reingekommen!

Und dann   ......   `SERVUS NAZ`   , wie man bei uns zu Hause sagt.

Also nahmen wir in Ruhe Platz in unserem Gefährt, dem Vierer-Bob. Die Reihenfolge: Delle Karth, Brigitte, ich und der Bremser. Eng, ich war zu dieser Zeit noch nie in einem U-Boot (kannte ich nur vom Film), aber es war noch enger. Gut angehalten! Keine Gurten!     ...................

Es ging los:

Eine andere Mannschaft, es könnten Kanadier gewesen sein, hat uns angeschoben. So hatten wir sicher eine sehr gute Startzeit. Hart ratterten die Kufen auf dem Eis.

Das Ganze erinnerte mich an eine Rodelfahrt mit einem sehr eleganten, aber gar nicht gefederten Schlitten.   ....................

Von einem `Geschwindigkeitsrausch` konnte ich aber rein gar nichts spüren.  ........................ Ehrlich gesagt, schon tat mir leid um unser hart erarbeitetes Geld. Rodelfahren hätten wir zu Hause auch können. Schön langsam wurde er aber schon schneller, der Bob. War aber auch wirklich schon Zeit, dass dieser Schlitten ordentlich beschleunigen würde.    .........................

 

Wir näherten uns dem `Kreisel`: Wie man`s im Fernsehen sieht: Wir `klebten` nun schon mit einer ordentlichen Geschwindigkeit an der Seitenwand der Bobbahn. Jetzt hatten wir schon was für unsere Ausgaben!  Brigitte schaute links an Delle Karth vorbei. So hielt ich meine Kopf eher rechts, um auch recht viel zu sehen. Plötzlich wandte sie ihren Kopf (Sturzhelm) nach rechts. Ich hielt meinen Schädel deshalb nach links raus  .........

 

SSSSSSSSSSSccccccccccchhhhhhhhhhhhhhttttttttttttttt!!!!!!!!!!    UUUHHHH!!!!!

..............kam mir sehr knapp vor  !!!!!!!....., die Distanz zur Bahnabgrenzung !!

Ich umklammerte fest meine Haltestreben und zog meinen Kopf runter, in den Bob herein!

Mann, jetzt ging es aber dahin!           (Schlimmer als in der Geisterbahn!)

Alles war hart! Es knirschte und krachte! Vor den Kurven (so kam es mir vor) hob er den Bob an der Wand etwas hoch, um ihn dann wieder in die Spur fallen (krachen) zu lassen.

Hoffentlich hält dieser Bock das Alles aus! Wenn`s diesen Apparat zerlegt, dann. Gute Nacht!

Ich hielt mich verkrampft an und da draußen herrschte die `Wilde Jagd` !!!!!!!!!!!!!!!!!

Irgendwann reißt dieser Bock in der Mitte ab!, zuckte es durch mein Hirn. Jetzt hatte ich aber genug!

Wir rauschten dem Zielraum entgegen. Ich spürte die Wirkung der Bremsen. Hinter uns knirschte es  ....Ruhe......,   wir waren gerettet!    Wir hatten diese Höllenfahrt überstanden!

Mann, jetzt hatte ich aber genug! Wir entstiegen unserer `Eisrakete` und waren glücklich!

Auf noch wackeligen Beinen, total beeindruckt von dieser Fahrt fragte ich todesmutig unseren Pilot, ob denn die Plätze morgen (beim Vorlauf für das Rennen) noch frei wären ...??

„Geht leider nicht, da habe ich morgen schon meine Mannschaft aufgestellt“, entgegnete mir unser `Eiskanal-Chauffeur`. Eigentlich war ich direkt froh, dass eine zweite Fahrt mit diesem Gefährt nicht möglich war. Mein Heldenmut hatte eben auch seine Grenzen! Man muss es ja niemandem sagen.

Abschließend erhielten wir noch eine schöne Urkunde. Sie hat einen besonderen Platz in unserer Dokumentenmappe gefunden.

Diese Bobfahrt, die werden wir beide wohl unser Leben lang nicht vergessen!