Eine Kerze brennt

Erinnerungen an die vorweihnachtliche Zeit in früheren Tagen, als der Kommerz noch nicht so im Vordergrund stand wie heute. Ich habe diese Aufzeichnung vor kurzen gefunden, als ich alte Schulsachen ausmistete. Irgendwie war es früher eine andere Zeit als heute.

Es war am Abend des ersten Adventsonntags. Wir saßen gemütlich in der warmen Stube um den Tisch herum, auf dem der Adventskranz lag. Mein kleiner Bruder ruhte auf dem Schoss der Mutter, mein älterer Bruder neben ihnen und ich saß bei meinem Vater.

Die brennende Kerze warf einen hellen Schein auf unsere Gesichter. Wir sangen Adventslieder wie „ O Heiland, reiß die Himmel auf“ und „Wachet auf, ruft uns die Stimme“.

Dann las meine Mutter aus der heiligen Schrift vor, und anschließend erzählte sie aus ihrer Kindheit. Wir saßen unbeweglich da und lauschten ihrer Stimme, die so schön erzählte, dass ich meinte, es selbst mitzuerleben. Ihr hörte ich gerne zu, wenn sie aus ihrer Kindheit und Jugendzeit erzählte.

Die Augen meiner Mutter glänzten. Ihr Gesicht nahm kindliche Züge an. Doch plötzlich waren ihre Blicke sehnsüchtig auf einen unbestimmten Punkt gerichtet. Über ihre Wangen liefen ein paar Tränen und ihre Stimme verstummte. Die Züge im Gesicht meines Vaters waren ernst. Als mein kleiner Bruder sah, dass der Mutter Tränen über die Wanen liefen, wollte er sie trösten und fragte, wo es ihr wehtäte.

Jäh wurde Mutter aus ihren Gedanken gerissen. Sie schaute meinen Bruder erstaunt an. Doch dann schien sie begriffen zu haben. Sie nahm ihn und drückte ihn an sich. Dieser schaute sie verständnislos an, war aber froh, dass wieder ein Lächeln auf ihrem Gesicht war.

Das Schönste im Advent war für mich, dass wir an den langen Abenden gemütlich beisammen hockten und Vater oder Mutter aus ihrer Kindheit erzählten. Es kam mir dann so vor, als ob sie gerne noch einmal so klein sein würden wie wir. Und in diesen Stunden wünschte ich mir immer, so klein zu bleiben – in der Geborgenheit von Vater und Mutter.